Ausgabe XII
KOHLE Magazin für Wasserpfeifen-Kultur und -Technik
← Magazin 18. Mai 2026
Kulturhistorie

Die lange Linie — vom Narghile zur Shisha

Von Akbars Hof im 16. Jahrhundert über Persien und das Osmanische Reich bis in die Cafés Kairos und schließlich in deutsche Lounges. Eine knappe Kulturgeschichte der Wasserpfeife mit Quellen aus Reisetagebüchern, Lithografien und Ethnologie.

Die früheste belegbare Wasserpfeifenform entsteht am Hof Akbars I., Großmogul von Indien, im späten 16. Jahrhundert. Der persische Hofarzt Abu’l Fath Gilani konstruiert, so berichten die Akbar-Chroniken, eine Vorrichtung, die den Tabakrauch durch Wasser leitet — der Erstkontakt Indiens mit dem amerikanischen Tabak war wenige Jahre zuvor über portugiesische Händler erfolgt. Aus dem Wunsch, den ungewohnten Rauch zu kühlen, entsteht ein Gerät, das die nächsten vierhundert Jahre überdauern wird.

Die Verbreitung erfolgt entlang der Handelsrouten des persischen Hochlandes. In Persien wird das Gerät zum qalyān — der Begriff bezeichnet bis heute die klassische iranische Bauform mit langem Rohr und massivem Wasserkörper. Über Schiraz und Isfahan gelangt die Wasserpfeife in den osmanischen Raum, wo sie zum narghile (vom persischen nārgīl, „Kokosnuss” — die ältesten Wasserbehälter waren ausgehöhlte Kokosnüsse) wird. Im 17. und 18. Jahrhundert ist sie fester Bestandteil der osmanischen Kaffeehauskultur: Reiseberichte des Engländers Edward Pococke und des Schweden Carsten Niebuhr beschreiben sie als Inventar der Konversationskultur, gleichgestellt dem Kaffee und der Schachpartie.

Die orientalistische Welle des 19. Jahrhunderts nimmt sich der Wasserpfeife in der bildenden Kunst an. Jean-Léon Gérôme malt sie in seinen Hammam- und Café-Szenen; Eugène Delacroix dokumentiert sie in seinen Marokko-Skizzen. Die ethnologische Berichterstattung dieser Jahre — etwa die Arbeiten Edward Lanes über das Kairo der 1830er Jahre — beschreibt die Wasserpfeife als nüchternen Alltagsgegenstand der städtischen Mittelschicht, nicht als das exotische Requisit, das die europäische Malerei aus ihr macht.

Die zweite große Verbreitungswelle des 20. Jahrhunderts kommt aus Ägypten. Die Kairoer Cafés perfektionieren das Format und exportieren es in die Diaspora: Beirut, Damaskus, später New York und Paris. Die syrische Werkstätten-Tradition (Khalil Mamoon, Galaxy Trade) wird zur Referenz für massive Messing-Konstruktionen. Im Iran läuft eine parallele Industrialisierung des qalyān mit eigener Formensprache.

Die Ankunft in Mitteleuropa erfolgt in zwei Schüben. Ein kleiner Schub mit der türkischen Migration der 1960er und 70er Jahre — die Wasserpfeife bleibt aber in den ersten Generationen ein privater, häuslicher Gegenstand. Der zweite, größere Schub kommt in den 2000er Jahren, als die Shisha-Bar als urbanes Format in Berlin, Hamburg und Köln Fuß fasst. Die Glycerin-feuchte Tabak-Mischung Mu’assel — eine ägyptische Innovation der 1980er — ersetzt den traditionellen trockenen Tombak und macht das Format einer breiteren Konsumentenschicht zugänglich.

KOHLE verfolgt diese Linie nicht aus Nostalgie. Wer die heutige Diskussion um Tabaksteuer, Schadstoffbelastung und Lounge-Regulierung verstehen will, muss wissen, dass es um einen 450 Jahre alten Kulturgegenstand geht, dessen wechselnde Bewertungen durch die jeweilige Gesellschaft eine eigene Geschichte erzählen — von der osmanischen Konversationskultur über die orientalistische Verklärung bis zur regulatorischen Behandlung der Gegenwart.


Ressort: Kultur